In Berlin ist es meistens etwas kühler, was das Publikum bei gemäßigten Rock und Metal Konzerten angeht. Eher selten gibt es Shows, wo einfach alles stimmt. So haben Delain bei ihrer ersten Headliner Tour im vergangenen Jahr noch eher den Eindruck einer übersättigten Hauptstadt als Erinnerung mitnehmen müssen. Gestern jedoch, beim zweiten Gig der „We Are The Others“ Tour im Berliner Lido war alles anders: Vom ersten Moment an zündete der Funke, der einen Saal zum Kochen bringt.
Zuvor hatten Halcyon Way aus den USA mit ihrem progressiven Metal versucht, ein wenig vorzuglühen. Die Resonanz war trotz respektablem Vortrag und einer Stimme mit hohem Wiedererkennungswert eher gering. Stilistisch lagen die Amis auch weit von den restlichen Gängen des Abendmenüs entfernt. Amanda Sommerville konnte im Anschluß mit ihrem neuen Projekt Trillium schon eher punkten. Die sich langsam versammelnde Meute wurde langsam warm.
Wie oft herrscht großer Jubel, sobald der Hauptact die Bühne betritt, nur um dann in eine interessierte Konsumstarre zu verfallen, bei der die Band größte Not hat, zumindest ab und zu das Publikum dazu zu bewegen, die Hände in die Luft zu nehmen. Außer einem gefälligen Applaus nach jedem Song und leichtes Mitwippen sind weitere Erregungen der Gemüter kaum wahrzunehmen (Die vorderen drei Reihen vielleicht ausgenommen.) Zumindest ist mir dies in den vergangenen 10 Jahren hier in unserer Stadt immer wieder aufgefallen. Es gab aber auch mal andere Zeiten.
Auch im vergangenen Jahr zeigten sich Delain bereits voller Spielfreude, die man leider ebenfalls nicht mehr regelmäßig auf der Bühne erleben darf. Genauso starteten sie auch gestern. Kaum waren die ersten Takte gespielt, als Charlotte Wessels in ihrem neuen heißen Bühnenoutfit die Bühne und im gleichen Zuge das Publikum eroberte. Der obligatorische anfängliche Jubel sollte jedoch heute keine Ausnahme bleiben. Die Niederländer boten ein breites Repertoire aus den beiden Vorgängeralben und dem bald erscheinenden „We Are The Others“. Vom neuem Album wurde erwartungsgemäß der Titeltrack, der aufgrund der tragischen Ereignisse um Sophie Lancaster entstanden ist, und die Andersartigkeit beschreibt, gespielt. Genauso erwartet war die erste Single „Get The Devil Out Of Me“. Neben den Klassikern „April Rain“ und der Zugabe „The Gathering“ gab es weitere, teils länger nicht gehörte Songs. Aber es gab auch weiteres neues Material, das in Berlin zum Zuge kam: „Generation Me“, ein Blick von Charlotte auf die facebook-Generation. Ohne den Text im Detail zu kennen, alleine im Ansatz schon ein interessanter Einstieg in weitere Diskussionen. Ferner gab es mit „Lost in Babylon“ einen echten Ohrwurm, der mit seinem eingängigen Riffing und getragenem Chorus echtes Zeug dazu hat, zu einem all-time Rock-Dancefloor Klassiker zu werden.
Aber eigentlich war es gestern egal, was Delain spielten. Spätestens nach dem ersten Drittel feierte das Publikum jeden Titel als ob es der beste Track der Bandgeschichte sei. Man sah Charlotte an, das die plötzliche Euphorie sie zunächst überraschte und im weiteren Verlauf immer mehr rührte. Klar, daß diese starken Emotionen dem Verlauf der weiteren Show nur zu Gute kamen. Hier war er, der magische Moment, der aktuell in der Stadt und in diesem Genre leider viel zu selten passiert, wenn die Mischung aus Geben und Nehmen zwischen Band und Publikum einfach perfekt ist. Gestern haben Delain endlich das Publikum bekommen, die deren großartige Bühnenpräsenz und Spielfreude verdient haben. Oder anders herum betrachtet: Delain haben die Berliner Rockerherzen gestern im Sturm erobert.
Die ersten paar Takte klingt „As the Thruth Appears“ von Divine Ascension aus Melbourne wie eine beliebige Powermetal Band aus den 80ern. Auch im folgenden finden sich viele Anleihen bei bekannten Helden der letzten 25 Jahre: Die Riffs und Soli klingen immer wieder mal nach Helloween und somit unweigerlich auch nach Iron Maiden, im nächsten Moment erinnern sie dann plötzlich eher an Dream Theater. Die opulenten Synthesizer Klänge könnten wiederum für eine der unzähligen Goth- oder Symphonic Metal Combos stehen, wie es sie derzeit wie Sand am Meer gibt.
Doch jeder dieser Vergleiche hinkt. Bereits beim Opener „Answers“ nimmt einen die kräftige Midrange Stimme von Jennifer Borg gefangen. Nicht nur das, bei diesem Track liefert sie sich gleich ein perfektes Gesangsduell mit Gastsänger Silvio Massaro. Es gibt unzählige Duette in der Musikgeschichte. Und mal ehrlich, nicht jedes Duett geht über einen bloßen Wechselgesang hinaus, der gut und gerne auch von einem einzelnen Sänger übernommen hätte werden können. So offenbart sich bei diesem ersten Song schon die unglaubliche Stärke dieses Debutalbums: Die Kompositionen. Dieses Duett ist eines der besten in der Rockgeschichte, harmonischer und runder kann man zwei Stimmen kaum arrangieren. Aber auch im Verlauf des gesamten Albums ist die Ideenvielfalt trotz der vermeintlich unzähligen Anleihen bei den Größen der Rockgeschichte der Quell für inspirierenden und eigenständigen progressiven Metal.
„As the Truth Appears“ kokettiert mit Dream Theater, ohne dabei jemals zu technisch zu werden. Vielmehr zelebrieren Divine Ascension ihre Musik in der epischen Breite eines Filmscores mit dem Gefühl für Melodien wie es beispielsweise trotz der komplexen Strukturen Heir Apparent in den 90er Jahren schafften. Jennifer Borg erinnert dabei mit ihrem Gesang ein wenig an Janet Gardner von der 80er „Vixen“ Besetzung.
Wenn man nun etwas kritisieren wollte, dann ist es lediglich die Länge des Werkes. Die knapp 50 Minuten Spielzeit vergehen einfach viel zu schnell. Neben Machine Heads „Unto the Locust“ ist „As the Truth Appears“ für mich eines der großartigsten Alben in 2011 und zieht damit locker an Größen wie Evanescence und Within Temptation vorbei. Damit ist das Debut von Divine Ascension ein heißer Kandidat für mein persönliches Album des Jahres.
5/5
Divine Ascencion – As the Truth Appears Nightmare Records UPC: 734923006404
Genre: Symphonic, Progressive Metal/Female fronted
Release Date: October 11, 2011
Format: CD & MP3
Mit einem besonderen Set sind derzeit Leaves´ Eyes in der Republik unterwegs. Ein etwa einstündiges Akustik-Set mit einem Querschnitt durch das Band Repertoire wurde zu verschiedenen wohltätigen Zwecken ohne Gage aufgeführt. In Berlin fand der Auftritt der multinationalen Band im Rahmen des Greentunes Festivals statt.
Das Festival der Vegetarier wartete mit einem bunten Reigen aus der Musikwelt auf. Neben unter anderen Extrem Hardcore Metal aus Leipzig mit “Myra” und der Goth Legende “Das Ich” führten Leaves´ Eyes als Headliner den musikalischen Rahmen des Festivals an. Dabei traff die Band nicht auf die günstigsten Voraussetzungen: Neben der sehr bunten musikalischen Mischung ohne weiteren Ableger eines wenigstens ähnlichen Genres und mit einer geplanten Startzeit von 0:45 am frühen Morgen war die Halle des Berliner K17 dann um 1 Uhr nachts nur noch spärlich gefüllt. Diejenigen, die jedoch ausharrten, wurden mit einem ganz besonderen Schmankerl belohnt, welches nur zu wenigen weiteren Gelegenheiten zur Aufführung gelangt.
Mit folgender Setlist wurden Fans und jene, die es vielleicht geworden sind, für das lange Warten belohnt:
Das Konzert von Incubus ist als Stream Recording in guter Qualität und voller Länge ins Netz gestellt worden. Knapp zwei Stunden führt die Band durch alte Hits wie “Megalomaniac“, “Are You In?”/ “Riders On The Storm” sowie “Nice To Know You“ und neue Tracks (“Promises, Promises“, “Adolescence” und “In The Company Of Wolves“) vom kommenden Album “If Not Now, When?“.
Ich überschlage mich hier gerne mit Superlativen, wenn es um Musik geht. Meine jüngste Neuentdeckung macht hier leider keine Ausnahme. Doch selten erschien es mir so berechtigt, wie eben bei dieser Band, die eigentlich aus einem für die Metalszene eher unbeschriebenen Land kommt.
Mal ehrlich: Wie viele großartige Bands kennt ihr aus unserem Nachbarland Frankreich? Gut, es gab dort mal eine Hardrockcombo namens Trust, die Dank eines Covers von den legendären Anthrax eine gewisse Bekanntheit erlangte, aber sonst? Nicht, daß es dort keine guten Bands gäbe, aber wirklich gerissen hat hierzulande wohl noch keine etwas. Vor wenigen Wochen las ich ein Interview mit einem A&R Manager von Roadrunner, der über die nahezu ausweglose Situation berichtete, in der er sich jedes mal befindet, wenn es um die Auswahl einer neuen Band für sein Label geht: Zum einen sucht er das absolut außergewöhnliche, noch nie dagewesene, das alle vom Hocker reißt, zum anderen sollte sich die Musik aber nicht zu sehr von den gewohnten Pfaden weg entfernen, um überhaupt eine Identifikation mit dem Label zu ermöglichen und freilich auch, um überhaupt das Gehör der Massen zu finden. Nun, sollte dieser Herr einmal über folgende Band stolpern, bin ich sicher, er findet in ihr eben genau diese Eigenschaften.
Grenoble, die größte Alpensiedlung bringt 2001 aus dem Nucleus zweier Freunde die Band Auspex hervor, die zunächst 2005 eine Mini CD “Mysteries of the Stars” veröffentlicht, welche noch sehr im Symphonic Metal angesiedelt ist, aber bereits einen Eindruck in die herausragenden spieltechnischen Möglichkeiten erlaubt. Der folgende Longplayer verschafft einen kleinen Plattenvertrag mit Thundering Records und mit dem aktuellen Album Heliopause sollte sich die Band eigentlich einen festen Namen in der Metalwelt erobern können. Einige Mitglieder sind auch bei der deutlich härteren Band Kalisia aktiv gewesen. Ich konnte leider nicht herausfinden, welche Band denn nun der eigentliche Ableger war. De facto ist Auspex derzeit aber die deutlich aktivere Adresse, auch wenn Kalisia mit dem kongenialen Album “Cybion” ein Guiness-Book-verdächtiges Werk erschaffen haben.
Der zweite Longplayer der Franzosen ist meilenweit von dem entfernt, womit sie bei ihrer Debüt-EP begonnen haben. Eine Band mit einer derart rasanten Entwicklung ist mir selten, oder gar nie begegnet. Oftmals ist bei einem Wandel einer liebgewonnenen Eigenart ein bitterer Beigeschmack vorhanden. Ich kann mich heute, nachdem ich das Album nun bereits über Monate mein eigen nenne, immer noch nicht entscheiden, ob ich dies im Falle von Auspex genauso sehe, oder ob nicht doch die unglaubliche Weiterentwicklung für alles entschädigt, was ich vermisse. Mit einer Ambivalenz dieser Qualität mußte ich mich bisher selten auseinander setzen.
Keines der Alben ist ein reines Konzeptwerk, dennoch unterliegen sämtliche Songs irgendwie dem Rahmen der Betrachtung des Seins aus einer sehr wissenschftlichen Perspektive. Es geht nicht um Schulalltag, Beziehungsstreß oder den 9 to 5 Job. Zumindest nicht im perspektivischen Ansatz. Auspex betrachten alles aus ungewöhnlicher Sicht: Mal liefern Atome die wertvollen Zusammenhänge, mal sind es stellare Konstellationen. Der Name Heliopause, welcher die Grenze der Sonnenwinde in ihrer Einwirkung auf die stellaren Gase beschreibt, ist also bereits bezeichnend für alles folgende. Also begleitet mich auf eine ungewöhnliche Reise ins Universum von Auspex.
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Mit dem Intro ‘Electric Sheep’ beginnt diese phantastische Reise. Ein elektronisches Gebilde, welches tatsächlich mechanisch wirkt und doch ganz langsam in den Sound der Band anno 2010 einführt und direkt in den zweiten Track überleitet.
Silence - Eine Uptempo-Nummer mit einer sehr ausgeprägten Fantasie über die Stille und Kälte des Nordens. Wenn Kometen und Polarlichter erfrierende Seelen begleiten, wird es schon sehr kühl. Ob die Stille eines Partners, die lediglich in vier kurzen Zeilen angeprangert wird, Auslöser für die eisige Gefühlswelt ist?
I Walked Awoken on Titan – Eine zwischen Sprechgesang und der typischen Buchonnetschen Melodieführung wechselnde, mit Chorpassagen versetzte, eher ruhige Nummer. Der erste Blick auf den Text offenbart eine sehr abgehobene, wissenschaftlich orientierte Sprache. Erst ein zweiter und womöglich nötiger dritter Blick zeigen vielleicht Parallelen zu unserer Gesellschaft auf.
Klingt ungewöhnlich? Hier ein kleiner Ausschnitt zur Verdeutlichung:
“It’s raining snow on the flowing sand
It is earth on earth but it’s not
It is just not under the purple strange
A spoonfull of acid in a giant cup
Let’s have a walk under the sea
Turn on your mood, embrace the brass
Jump 1, 3, 9, and the ring fits
the walrus lies on the crowded streets
the atom grows and the pale blue grace
Hold me loose on Titan’s blues
We’ll share this contemplative request for the sake of bonds
And I felt like touching you but
on an atomic scale it’s a long journey
probabilist satellites are spinning around
and it seems dangerous adding a component
Now they see themselves into my own eyes…
The eye is a sick magic trick that turns you blind
From perception to sensation to feeling
Now you’re alive, and awake
From absorption, contemplation, and seeking
Diffuse and walk”
Und habe ich zuviel versprochen? Eine derart wissenschaftlich verklausuliertes, abstraktes Gedankengebäude wird euch vermutlich bei keiner weiteren Band auf diesem Planeten begegnen. Auffallend ist auch ein Auslassen ganzer Wortpassagen.
Der Text scheint in Teilen bald zu massiv für die Kompositionen, wird aber zum besseren Verständnis komplett im Booklet abgedruckt.
In Through the Looking Glass - Der Song beginnt mit einer kleinen Melodie, die stark an eine Spieluhr erinnert. Ein gefährliches Spiel, welches hier eingeleitet wird: Wehe, ihr laßt die Gedanken schweifen beim Blick in den Spiegel. Gehört der Körper zu
eurem Geist? Seid ihr Eins mit euch? Tempowechsel, laute und leise Passagen, ein Wechselbad zwischen Klaviatur und Gitarrensaite, die innere Zerrissenheit ist derart plastisch und der Song trotz allem doch melodiös, homogen und absolut
nachvollziehbar. Dies alleine zeigt schon den hohen kompositorischen Wert dieser Veröffentlichung. Von dem Technischen ganz zu schweigen.
The Pulse of Emptiness - Eine in weiten Teilen etwas schnellere Nummer. Elodie Buchonnet liefert hier weiteres Ungewohntes: Ein rasches Trällern zwischen hohen und tiefen Tönen innerhalb eines Wortes. Dies läßt sich kaum beschreiben, wirkt aber
wie ein Zerrbild ihres eigenen Gesangstiles. せつなき たび - Sorry, meine Japanisch-Kenntnisse tendieren stark gegen Null und Bing wirft leider nur eine Teilübersetzung aus. Außer einem Seelentanz und Diamanten im Schnee habe ich nichts verstanden. Ein sehr ruhiger Song. Die Wahl der Sprache, beschrieb Buchonnet in einem Interview, bringe ihre Nähe zur japanischen Kultur zum Ausdruck.
0-1-0-1 (And so on…) – Wer nun meint, wir würden uns binär weiter bewegen, irrt. Vielmehr geht es um die Erfüllung des eigenen Schicksals. Dem Tod der Apathie und einem Neubeginn. Der Song wirkt eher ruhig und hymnisch und besitzt eine wunderschöne Gitarrenmelodie.
Ad astra per aspera - (lat. “Durch das Raue zu den Sternen”) Das Vorwort stammt von Jimmy Carter aus dem Jahre 1977 und bezieht sich auf den Versuch der Kontaktaufnahme mit extraterrestrischen Lebensformen mittels der mitgeführten Nachrichten in der Raumsonde Voyager. Der Song beschreibt diese ersten galaktischen Gehversuche mit eigenen Worten und gräbt
sich mit vielen musikalischen Wiederholungen immer tiefer in die Sinne des Hörers.
Resolutio - Ein knapp elfminütiges Werk. Das abschliessende Opus scheint nach bisheriger Erfahrung zugleich der jeweilige Höhepunkt eines Albums zu sein, auf den die ganze Zeit hingearbeitet wird. Resolutio mach hier jedenfalls keine Ausnahme. Der Text wird bis auf einer einzigen Zeile in Englischer Sprache in Japanisch und Französisch vorgetragen. Vermutlich die
Sprachen, in denen Buchonnet sich gefühlsmäßig am ehesten zu Hause fühlt. Ein kompositorisches Meisterwerk, welches alle Qualitäten der Band Revue passieren läßt und sie hier zu neuen Höhepunkten treibt. Ruhige Passagen, dann wieder ein
Gesang, der unweigerlich Jahrmarktsatmosphäre aufkommen läßt, nur um sogleich in eine eher beschwörende Stimmung umzukippen.
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Heliopause ist ein ungewöhnliches Werk: Gedankenkonstrukte, die sich selten sofort beim ersten Mal in Gänze erschließen. Kompositionen, die an keine andere Band auf diesem Planeten erinnern und doch mit einer süßen Stimmung dem Gehör schmeicheln. Komplexe Songstrukturen, die mit einer technischen Perfektion dargeboten werden, wie es nur wenige Künstler schaffen. Ungewöhnlich, das ist auch der Gesang von Buchonnet: Fernab vom genretypischen Sopran liegt sie mit ihrem dunkleren Timbre und vor allem ihrem Gesangsstil dem französischen Chanson um einiges näher, denn dem symphonischen Metal. Definitiv keine leichte Kost für Zwischendurch und doch wunderschön. Ich habe mich beim ersten Hören verliebt, und alle Alben direkt bei der Band in Frankreich bestellt. Ich kann aber auch jeden verstehen, der keinen Zugang zu diesem einzigartigen künstlerischen Werk findet. Alle, die auf der Suche nach ungewohnten Hörerlebnissen sind, kommen an Auspex jedoch kaum vorbei.
Der französische Chanson hat den Heavy Metal erreicht. Wenn ich meine Bewertung nun in nur einem Satz verfassen müsste, hier ist er:
Auspex liefern mit Heliopause ein sperriges und deswegen wohl entweder verkanntes oder zumindest kaum beachtetes musikhistorisches Meisterwerk der Popkultur ab.
Ja, ich bin wieder bei den Superlativen. Aber die Einzigartigkeit und zugleich vorhandene Qualität läßt nun mal mein Herz um einiges höher schlagen. Wer es jedoch etwas genretypischer und eingängiger mag, dem sei zumindest die immerhin kostenfrei im Download erhältliche Debüt-EP “Mysteries of the Stars” ans Herz gelegt. Das dortige opulente “Rise” ist eine symphonische Metal Hymne, wie sie im Buche steht: Komplex, technisch über alle Maße brillant und ein absoluter Ohrwurm. Das erste full-length Album ‘Resolutio’ liegt musikalisch zwischen beiden beschriebenen Veröffentlichungen und enthält eine Neuaufnahme
von “Rise”.
Auspex im Web: www.auspexmusic.com/
Fazit: Welcome to the universe of your reflected emotions
Auf geht es weiter durch das kostenlose und sehr musikalische Internet.
Wie komme ich an Fundstücke, ohne regelmäßig hier beim Paparazzo vorbeizuschauen? Nicht, daß dies nicht gewünscht wäre, aber vielleicht gefällt meine Vorauswahl nun auch nicht jedermann. Ich weiß nicht, ob die Metaller eben besonders spendabel sind, aber hier gibt es wirklich zahllose Quellen. Amazon dürfte sicher jedem ein Begriff sein, der im Netz unterwegs ist. Auch hier gibt es seit einiger Zeit immer mal wieder ein paar Songs oder gar ganze Sampler zum Gratis Download. Die Ausbeute im Genre ist aber eher gering. Ich empfehle schon eher die Label- oder Künstlerseiten anzusteuern.
Die lohnendsten Label im Metal Genre dürften die folgenden sein:
Roadrunner Records – Hier gibt es alle paar Tage mal einen Promo-Song und etwa halbjährlich dann einen Sampler. Der Herbstsampler 2010 ist beispielsweise hier immer noch erhältlich: http://www.roadrunnerrecords.co.uk/sampler/. Es gab bei Roadrunner Germany auch schon einen im Frühjahr, der schien mir aber bei einigen Songs gekürzt. Ein kleiner Makel, der mir erstmals bei RR auffiel. Wer das Festival-Special dennoch austesten möchte, hier geht’s lang: http://www.roadrunnerrecords.de/page/News?news_id=109976.
Napalm Records - Sehr ergiebig ist zuletzt auch das Österreichische Label. Innerhalb kurzer Zeit steht, wie hier http://www.napalm-events.com/classicsampler, bereits der zweite Sampler für die facebook-Freunde des Hauses bereit.
Nuclear Blast – Auch hier lohnt sich das Abonnieren und Surfen: Im regelmäßigen Newsletter sind häufig einige Tracks zum Download im Angebot. Derzeit beispielsweise von Pain und Hammerfall. Die Palette reicht quer durch die breite Musikerlandschaft. Auf der Webseite finden sich auch immer mal ein paar Fundstücke. Einen eigenen Downloadbereich
gibt es bei Nuclear Blast USA, hier werden auch Videos angeboten. Auf der Teaserseite ist gerade eine Aktion von Hell geschaltet (http://www.nuclearblastusa.com/Splash/Hell/index.html). Für ein wenig Zwitschern oder Teilen gibt es auch dort etwas zum Saugen. Ein paar Klicks weiter warten Meshuggah, Sirenia, Dimmu Borgir, Threshold, Sonic Syndicate und viele mehr auf Euch.
Sehr ergiebig können auch Bandseiten sein. Gerade die kleineren und mithin oft noch unbekannten Bands nutzen die weltweite Datenautobahn, um sich international den potentiellen Fans vorzustellen. Dies können einzelne oder einige wenige Tracks sein, die angeboten werden und geht bis zum kompletten Download vollständiger Alben. Manches Mal sollte man hier Eile walten lassen. Signt erst einmal ein Label die unentdeckte Perle, ist es mit dem umfangreichen gratis Angebot freilich vorbei. So geschehen zuletzt bei der im Untergrund durchaus schon recht namhaften Gruppe „Hydria“ aus Brasilien, deren Zweitwerk „Poison Paradise“ bis zum Release in Japan vollständig m Netz feilgeboten wurde.
Doch wer hier nicht zum Zuge kam, darf die folgenden Bands einmal austesten. Heute wieder einmal mit Schwerpunkt im Female Fronted Metal. Dieses Genre, nein, eigentlich ist es ja kein Genre, aber als beschreibendes Prädikat darf dieser
Begriff wohl herhalten.
Da wäre zum einen Kandia, die Band aus Porto macht straighten, melodischen Metalrock. Wer den arienhaften Sirenen im Genre nichts abgewinnen kann, sollte hier unbedingt mal reinhören. Auf der Seite der Releases wird einiges zum Download bereit gestellt: http://www.kandiamusic.com/Releases.aspx.
In eine ähnliche Kerbe schlagen auch „One Without“ aus Schweden. Von den heute vorgestellten Bands meine Favoriten mit ihren wirklich gelungenen Kompositionen im Modern Metal. Auch die Nordlichter lassen sich nicht lumpen und stellen neben einer Single gleich das ganze aktuelle Album zum Download für den Fan auf Ihre Seite http://www.onewithout.com/.
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Die letzte Vorstellung für heute ist Iluminato aus Brasilien, ein symphonisches Zwei-Personen-Projekt mit einer glockenklaren Sängerin. Etwa die Hälfte der Albumtracks stehen bei der Band auf ReverbNation zum herunterladen bereit. Die 5 Tracks gibt es hier : http://www.reverbnation.com/iluminato. Im Übrigen ist ReverbNation eine weitere exzellente Quelle, um neue Musik Vorzuhören oder zu erwerben.
Chalice of Obsidian, Artwork by Todd Parsons
Zu guter Letzt gibt es noch die Promotion-Netzwerke. Ähnlich der bereits vorgestellten World of Glass gibt es einige weitere Netzwerke, die sich der Promotion bestimmter Inhalte verschrieben haben. Eines der bekanntesten dürfte wohl Chalice of Femme Metal sein. Mittlerweile nicht nur ein Forum für Gleichgesinnte, ist hier bereits ein eigenes Label am Start und selbst ein Festival wird schon mit aus der Taufe gehoben. In diesem Frühjahr erblickte auch hier mit „Chalice of Obsidian“ eine
Compilation das Licht der Welt, die umsonst unter http://www.chaliceoffemmemetalextras.webs.com/ zu haben ist.
So, nun seid Ihr wieder mit einigen Stunden Musik versorgt. Ich freue mich auf Euren nächsten Besuch!
Im weltweiten Netz gibt es vieles zu entdecken. Daß man sich haufenweise Musik auf den eigenen Rechner laden kann, dürfte kein Geheimnis sein. Daß es richtig gute Musik auch völlig legal und umsonst aber auch in riesigen Mengen gibt, ist vielleicht schon nicht jedem geläufig. Wirklich gute Bands, teilweise ohne jeden Vertrag und offizielle PR-Maschinerie, buhlen um die Gunst der Hörer. Einige der empfehlenswerten Downloads möchte ich nun hier in einer weiteren losen Reihe vorstellen.
World of Glass Compilation – Volume 1
Artwork by Cécile Guillot
Alexis und Raquel, zwei junge Damen aus Frankreich und Portugal, haben aus reiner Passion mit World of Glass ein beachtliches Mammut Projekt zum Leben erweckt. Ihre erste Ausgabe der gleichnamigen Compilation erstreckt sich über 3 virtuelle CDs, auf denen bei einer Gesamtspielzeit von 4:49:30 ingesamt 60 Songs vorgestellt werden. Neben der Tatsache, daß es sich hier um viele Geheimtips handelt, die eben noch nicht durch die internationale Presse kursieren, läßt eine weitere Besonderheit aufhorchen: Dieser Sampler stellt nämlich ausschließlich Bands vor, die dem Female Fronted Metal zuzuordnen sind. Egal ob nun Symphonic, Electro, Power, Progressive oder Gothic Metal / Rock, alle vorgestellten Gruppen sind durch die weibliche Stimme geprägt. Somit ist dieser Download auch eine dringende Empfehlung an all die verschlafenen Journalisten, die auch heute noch behaupten, Metal ist weitestgehend Männersache. Kritiker können immer noch äußern “die kennt / hört doch aber kaum jemand”. Ja, vielleicht sind in dieser Zusammenstellung viele unbekannte Namen enthalten. Dennoch kann ich ein genaueres Hinhören nur jedem aufgeschlossenen Rock Liebhaber empfehlen. Vielleicht erwächst hieraus sogar eine neue Liebe, wie es mir schon vor Jahren ergangen ist. Anspieltips, auch über die Tracks von diesem Sampler hinaus, sind beispielsweise Dimlight, Echoterra, Bare Infinity und Hydria.
Die volle Bandliste liest sich wie folgt: Naos, Diary of Destruction, Meden Agan, Aperion, Khaelys, Wedingoth, Adrana, Hydria, Operadyse, Skeptical Minds, Soulmaker, Syrens Call, The Veil, Factory of Dreams, Bare Infinity, Erynies, Asylum Pyre, Harpia Deiis, The Rain I Bleed, Deathtiny, MOON Whispers, Djerv, Whisperium, Entropia, Heonia, Azylya, Ancient Bards, Analgesia, Silent Opera, Elferya, Stamina, Dharma, Lovelorn, Sleeping Sin, Iluminato, Endless Night, Kerstin Bischof, Thee Orakle, A New Dawn, Evenoire, Echoterra, Sacramento, Sceau de l’ange, Pin-Up Went Down, DXS, Blindfall, Akin, Holiness, Exoterik, Violet Sun, Tenebrarum Infanteus, Solsikk, Setanera, Dimlight, Trophallaxy, Hanging Doll, Pythia, On Thorns I Lay, Narwhal Tusk und DespairHate.
Mehr zu den Bands und der Szene, natürlich den Hinweisen zu dem kostenlosen Download der Compilation und bereits auch die Ankündigung vieler Bands für die kommende Volume 2 findet Ihr unter http://worldofglasspromotions.blogspot.com/.
Heute gibt es nur einen kleinen Kurzbericht zu einem für mich doch eher ungewohnten Thema. Ich komme soeben von einem für mich doch sehr besonderen Abend zurück. Ein musikalischer Abend mit einer der ganz, ganz großen Damen der Weltbühnen, die nun in hohem Alter noch einmal auf ihren Abschiedstourneen von sich Reden macht, wenn auch nicht wirklich positiv.
Richtig, ich war bei Montserrat Caballé. Womöglich hat diese Dame, von der wohl einmal die Callas behauptete, sie sei die einzige würdige Nachfolgerin, inzwischen ihren Zenit überschritten. Ja, vielleicht hätte sie sich besser schon zurückgezogen. Die Kritiken zu den letztjährigen Auftritten ließen gewisse Befürchtungen aufkommen, und beispielsweise die Rezession des jüngsten Duisburger Auftrittes liest sich lediglich nur noch wohlwollend (http://www.derwesten.de/staedte/duisburg/Montserrat-Caball-mueht-sich-in-Duisburg-durch-ihr-Live-Programm-id4225144.html). Vielleicht sind aber auch einfach nur die Erwartungen an eine nun bald 80-jährige Sängerin ein klein wenig zu hoch angesetzt?
Ich hatte leider entweder nicht die Möglichkeit oder den Gedanken daran, dieses Ausnahmetalent bereits früher einmal live zu erleben. Mit gemischten Gefühlen, leider erst nachdem ich die Tickets als Weihnachtsgeschenk besorgt hatte, las ich nämlich von den Bedenken bezüglich der aktuellen Auftritte, begab ich mich nun in die Philharmonie, um Montserrat Caballé zu lauschen. Ich habe schon einmal den Fehler begangen, einen der ganz großen Künstler nicht live anzuhören. Dies wollte ich ehrlich gesagt nicht noch einmal bereuen müssen.
Das knapp zweistündige Programm umfasste eher unbekannte Werke in vier Sprachen von Antonio Vivaldi, Alessandro Scarlatti, Gaetano Donizetti, Charles Gounod, Jules Massenet, Richard Strauss, Enric Granados i Campiña und Ruperto Chapí y Lorente. Begleitet hat die Katalanin ihr langjähriger musikalischer Weggefährte Manuel Burgueras.
Die ersten Besucher verließen zur Pause die Veranstaltung, soviel vorneweg. Jemand, der die Grande Dame an den Leistungen von vor 20, 30 oder gar 40 Jahren misst und entsprechendes erwartete, musste wohl zwangsläufig enttäuscht werden. Das verbliebene Auditorium lauschte Geduldig den Klängen und spendete freundlichen Beifall zwischen den Liedern. Ja, es gab Ausrutscher, Töne die bemüht oder gar getrickst klangen. Auch der im oben genannten Artikel formulierte Vorwurf, die Lieder würden sich bisweilen doch sehr ähneln, ist einem Klassik-Laien wie mir aufgefallen. Trotz alldem fühlte ich mich unterhalten, konnte bei geschlossen Augen meine Sinne schweifen lassen und ja, bisweilen den Vortrag durchaus genießen. Wenn ich alles neutral in Relation setze: Wer schafft es mit 80 Jahren in vier Sprachen im dauernden Stehen eine derartige Leistung abzurufen? Viele werden dies nicht für sich beanspruchen können und zumindest hier schillert noch einmal die einstige Klasse dieser Ausnahmekünstlerin durch.
Die Zeit der großen schmetternden Arien mag vorbei sein, ein anspruchsvoller Liederabend war der gesamte Vortrag in meinen Ohren aber gewiss. Nach dem regulären Programm sollten noch weitere Zugaben folgen. Sehr zum Missfallen der Künstlerin blieb nach dem ersten Lied jedoch das Licht im Saal an. Nach der zweiten Zugabe verzweifelte Anfragen an die Saalregie blieben ohne Reaktion, die kleine Exkursion des Pianisten in gleicher Mission ebenfalls. Lachend trällerte die Caballé ihre nunmehr dritte Zugabe, auch wenn sich das Publikum dabei sehen konnte, wie sie schmunzelnd hinzufügte. Der immer stärker werdende Applaus ermutigte die Sängerin noch zu einer vierten Zugabe: In einem improvisierten Vortrag beschwor sie noch einmal singend den Untergang der Sonne, respektive das Erlöschen des Saal Lichts. Die Lacher im Publikum waren bei diesem spontanen Vortrag im verständlichsten Deutsch mehrfach auf ihrer Seite. In den anschließenden Beifall mischten sich nun auch erstmals ernstgemeinte Jubelrufe.
Vielleicht wäre dies sogar ein deutlich eher tragendes Konzept für eine Abschiedstournee gewesen: Montserrat Caballé als verschmitzte Entertainerin mit einem Rückblick auf bestimmt viele erlebte Anekdoten ihrer langen Karriere, durchsetzt mit Liedern ihres riesigen Repertoires oder gar als Lied, wie hier aus dem Stand vorgetragen. Ich vermute, die Kritiker wären bei einem solchen Format deutlich leiser gewesen. So blieb es ein Liederabend, bei dem wohlgemerkt die Preise nicht nur unangemessen, sondern womöglich unverschämt genannt werden dürfen. Ein wirklich unterhaltsamer Abend mit einer der ganz großen Figuren der Weltbühnen, der jedoch keine ganz großen Erwartungen bediente.
Alles ist fair in Liebe und Krieg. Von handfesten Auswüchsen im vermeintlich zärtlichen Miteinander kann bestimmt der ein oder andere berichten. Die heute vorgestellte Band aus Los Angeles hat sich also bei ihrem zweiten Album einen Titel ausgesucht, der durchaus für kontroverse Abhandlungen sorgen könnte.
Vor langer, langer Zeit nun wanderte dieses Album in mein Regal, welches eigentlich nicht wirklich zu den meisten anderen Platten dort passen wollte. Früher jedenfalls hörte ich überwiegend deutlich schnellere und härtere Musik. Klar, vieles von den seichteren Rocksachen war und ist hörbar, aber nur selten erlangte seinerzeit eine Band meine gesteigerte Aufmerksamkeit und noch seltener die Gnade, ins Plattenregal zu wandern oder gar fortan gesammelt zu werden. Ihr könnt es euch wohl bereits denken: Um eine dieser Ausnahmen wird es im folgenden gehen. Dieses Album ist mit anderen Worten aber auch wieder etwas massentauglicher, als mein letzter Ausflug in die Rockgeschichte; auch wenn die besungenen Fehden nicht immer nur Friede und harmonische Freundschaft bedeuten.
Lillian Axe wurde von Gitarrist Stevie Blaze nach dem Split seiner Band “Oz” gegründet. Zum Zeitpunkt des Erscheinens von “Liebe + Krieg” 1989 unterstützten ihn Sänger Ron Taylor, der zweite Gitarrist Jon Ster, der ebenfalls die Keyboards bediente, und Rob Stratton (Baß), die allesamt von der ebenfalls gerade aufgelösten Band “Stiff” übertraten. Danny King schließlich komplettiert daß damalige Line-up an der Schießbude.
Die Band aus der Stadt der Engel wächst mitten in die Hochphase der Glamrocker hinein, deren Hochburg in den ausgehenden 80er Jahren eben Los Angeles ist. Diese Spielart des Hardrock, die ursprünglich aus einer ersten Verquickung von Hardrock und Punk zum Sleazerock entstand, deren bekannteste Vertreter womöglich Guns’n'Roses sein dürften, verkehrte das Bild des schnoddrigen ungepflegten Rockers hin zu den überstylten, eben glamourösen, Vertretern der Rockkapellen. Da dabei des öfteren das Styling bald wichtiger wurde, als musikalisches Können, wurden die Bands auch genauso pauschalisierend wie abwertend als Poser bezeichnet.
Was macht nun die Musik von Lillian Axe so besonders?
Sind es die Texte? Eher nicht, die lyrische Seite als großen Pluspunkt zu benennen würde über das Ziel hinausschießen. Zwar sind die Titel und Textideen durchaus ansprechend und beschreiben Gefühlswelten, in denen sich viele irgendwann einmal wiederfinden dürften. Zudem werden auch recht interessante Ansätze verfolgt, ohne jedoch dabei wirklich in die Tiefe zu gehen. Nein, Lillian Axe lebt vom Gesamtbild, den zerbrechlichen Stimmungen und dem filigranen Netz, welches eben auch von den betörenden Melodien gesponnen wird.
Eines der fesselnden Elemente ist der Gesang. Das Timbre Taylors ist nicht gerade gewöhnlich und besitzt somit einen deutlichen Wiedererkennungswert. Insbesondere die Art des Vortrages jedoch weiß mich jedesmal beim Hören wieder vollends gefangen zu nehmen, was letztlich auch für die Kompositionen insgesamt gilt. Getragen, bald hymnisch, zieht einen die Musik in eine Welt, die sich anfühlt, wie ein äußerst fragiles Gleichgewicht von Liebe, Hoffnung und Frohsinn, aber auch von Wehmut, Trauer oder Haß. Beide Welten reißen sich förmlich um den Hörer, um ihn abwechselnd dem heißen und gleich wieder kalten Bad ihres jeweiligen Machtbereiches auszusetzen. Die jeweilige momentane Gefühlswelt des Hörers wird verstärkt, nur um im nächsten Augenblick umgekehrt zu werden.
Die melodischen Rocker bewegen sich vorwiegend im Midtempobereich, sind jedoch geprägt von Breaks und Tempowechseln. Das zweite charakteristische Element ist in jedem Falle das Spiel von Stevie Blaze. Seine virtuosen Gitarrenläufe sind weit entfernt vom üblichen 4-Akkord-Geschrammel vieler Rocker. Dabei wahrt er stets den schmalen Grat, nicht in bloße Griffbrettwichserei zu verfallen und die Musik zum Egotrip verkommen zu lassen, sondern stets songdienlich zu bleiben. Gemessen am Veröffentlichungsjahr könnte man eventuell einen Hang zum Progrock unterstellen, dennoch bleiben die Songs absolut eingängig, animieren zum Mitwippen und die Hooklines bohren sich schnell ins Gedächtnis.
L O V E + W A R
(MCA Records, USA 1989)
ADD (Analoge Aufnahme, digitale Abmischung und digitales Mastering, für die jüngeren unter uns)
1. All´s Fair in Love And War
“She was 19, hair black as the devil´s night, She flashed her eyes Man, she could see right through my soul Legs up to here I had no idea - I had no idea“
So heißt uns das Werk von Liebe + Krieg in seinem durchaus hörenswerten Intro Willkommen.
Als Opener und Titeltrack zugleich brennt sich die Hymne über die extremen Höhen und Tiefen einer Beziehung zu einem Lebensabschnittsgefährten als absoluter Ohrwurm ins Gedächtnis. Allein dieser Titel dürfte mir als Kaufanreiz genügt haben und ist somit auch mein ultimativer Anspieltip für dieses Album, welches mit weiteren Perlen in der Folge jedoch nicht geizt.
“I’m not the kind of man Who lets a woman tell me Just what I can and cannot do.
She came prepared for battle And all I had to say was “I’d like to spend some time with you.”
Tja Mädels, entwaffnender Charme oder Größenwahnsinn? Wie auch immer ihr entscheidet, die musikalische Mixtur aus Guns’n'Roses, Bon Jovi und weiteren Zutaten aus dem kochenden Schmelztiegel L.A. mit ihren treibenden Rhythmen, den tollen langgezogenen Hooklines und verführerischen Gitarrensoli dürfte allen Liebhabern der etwas härteren Gangart ein Fest für die Gehörgänge sein. Vorausgesetzt natürlich, einem liegt das Timbre von Ron Taylor.
2. She Likes it on top
Einsam ist es an der Spitze, aber ist das Ego erst einmal angeheizt, führt der Weg freiwillig nur noch nach oben. Passend dazu treibt auch hier die Rhythmussektion den Song immer weiter voran.
“So you feel a little lonely girl Well you know you’re used to that one Now the taste of sweet success Is on your lips, you always want some“
Ein getragenes Break berichtet von einsamen und durchweinten Nächten. Aber: Das Rad des Erfolges dreht sich auch am nächsten Tag wieder.
3. Diana
Bei diesem Song wird das erste mal das Gas über weite Strecken etwas zurückgenommen. Textlich versucht der Verführer, die unsichere Diana von den Vorzügen der Liebe zu überzeugen und sie von ihren Zweifeln zu befreien. Die Gitarren sind mal dezent, nur um sich dann kreischend in den Vordergrund zu spielen. Ein Katz und Maus Spiel, wie die beschriebenen zarten Liebesbande.
4. Down on you
Taylor beweist hier seinen Abwechslungsreichtum und erinnert in der Gestaltung der Strophen stark an Alice Cooper. Der Song handelt von der übernächsten Phase einer Liebe, jedoch bereits im Rückblick. Die rosarote übersprungen, befinden wir uns hier in der Betrachtung der Höhen und Tiefen einer Beziehung und auch der Bedrohungen durch den Partner.
5. The World Stopped Turning
Der nächste Oberhammer auf dem Album ist diese wundervoll tragische Halbballade. Eine großartige Ode an eine Liebe, die zu zerbrechen droht, oder bereits zerbrochen ist? Zumindest der vortragende Protagonist scheint sich allem noch nicht ganz sicher zu sein.
“I watched you bathing in the moonlight I heard you crying in the wind Oh, every day is just another symphony Of angels singing praises in your name Look up, can’t you hear them calling
It wasn’t very long ago That you and I believed in the same things And now it seems, you’ve put our love behind you And turned away before you understood You can run, but you can’t hide”
Eine grandiose Melodieführung bei Gesang und Gitarrenlinien machen diesen Song zu einem erneuten Wechselbad der Gefühle.
6. Ghost of Winter
Mit dem nächsten musikalischen Höhepunkt bleibt die Scheibe in langsameren Gefilden. Der Text ist sehr symbolisch gehalten und mag unterschiedliche Interpretationen zulassen. Eine mögliche könnte die etwas verklärte Erfahrung eines Trips auf Angel Dust sein. Die andere, vielleicht etwas wahrscheinlichere, symbolisiert die Kälte der Einsamkeit und Unsicherheit, die einen manches Mal lästiger Begleiter auf Wegen sind, die aber gegangen werden müssen.
“As I lie awake All the memories of my life Seem to come and fade Wakes me in the dead of night Am I slipping away? Is my memory leaving me? When it’s cold and dark, Ghost of winter comes to me“
7. My Number
Ein Coversong von den “Girls”, für den Vanity als Gastsängerin angeheuert wurde. Erneut klingt Taylor etwas nach Alice Cooper.
8. Show a Little Love
Thematisch liegt der Song zwischen “She Likes it on Top” und “Diana”. Die Ermahnung an die Partnerin innezuhalten und sich auf die Gefühle zurückzubesinnen.
“You can’t ride upon the wings Of all your broken dreams Someday you’ve got to give it up
In between the lines you’ll see I’m giving you a sign Your attitude is just too tough
You don’t know what I want all night Why don’t you make your dreams come true I’ll show you how Here’s what you do“
Die tolle Chorusline und die verspielten Gitarren setzen wieder Akzente, die dem Album seine unwiderstehliche Atmosphäre verleihen.
9. Fool´s Paradise
Gleiches gilt für die Rhythmusgitarren in diesem Song, die den Song immer weiter nach vorn preschen lassen. “Etwas gehetzt” ist die Assoziation, die man mit der musikalischen Darbietung hier verbinden könnte. Auf der Spur, ohne einen Blick nach Rechts oder Links zu werfen. Textlich jedoch befinden wir uns in einer Sackgasse. Das Paradies der Narren ist eine selbsterschaffte Illusion, die nur wie eine Seifenblase platzen kann.
10. Letters in the Rain
Der Ausklang dieses Albums ist ein Song, der die innere Zerrissenheit perfekt umschreibt, sowohl musikalisch, als auch textlich. Eine Liebe, ein Verrat, die Erinnerung an süße Lippen und nun die bittere Realität eines Abschiedsbriefes. Hilft da noch die späte Einsicht und der Wunsch der Wiederkehr der Abspenstigen?
Ist die Liebe wirklich so ein Schlachtfeld? Wie eingangs bereits erwähnt, sind die Texte zwar durchaus ansprechend und symbolträchtig, aber gehen nicht sonderlich in die Tiefe. Wie auch immer man die lyrische Komponente wiederum sehen mag: Abschließend läßt sich festhalten, Lillian Axe bestechen auf ihrem Ausflug zwischen Liebe + Krieg durch ernormen Abwechslungsreichtum. Die Band besitzt die seltene Fähigkeit, mit komplexen aber dennoch eingängigen musikalischen Werken in eindrucksvoller Weise ihre Texte als lautmalerische Geschichten zu transportieren. Dieses Album ist gut für viele Durchläufe geeignet und offenbart immer wieder winzige Details, die zuvor vielleicht nicht ganz so deutlich zu Tage traten.
Zu guter Letzt ist Lillian Axe eine der wenigen Bands, die auch heute noch aktiv sind und soeben ein aktuelles Album auf den Markt gebracht haben. Von der hier beschriebenen Besetzung ist jedoch nur noch Gitarrist und Mastermind Stevie Blaze geblieben. Der neue Sänger Derrick LeFevre versucht zwar, den Geist Ron Taylors weiterzutragen, ist nach ersten Hörproben meinerseits aber nicht ganz so überzeugend.
Heute möchte ich euch im Plattenteller mal eine Band vorstellen, die es noch nicht in die Regale eures vertrauten Plattenladens geschafft hat, aber dennoch nicht minder wert ist, entdeckt zu werden. Die Rede ist von der „Chaotentruppe“ „Back with Darkness“ aus Hamburg.
Laut Bandseite erwartet den Hörer kurzgefaßt etwa folgendes: „Drückende Gitarrenwände gepaart mit einer geballten Ladung Power und der ausdrucksstarken Stimme Melanie von Holtens, ließen den Eindruck entstehen, als wären Skunk Anansie heimlich eine Liaison mit Doro Pesch eingegangen.“
Den Vergleich mit Skunk Anansie unterschreibe ich sofort. Die Tatsache, daß die Stimme von der Sängerin Melle etwas druckvoller und tiefer klingt, läßt zwar die Tendenz in Richtung Doro zu, aber als Vergleich läßt sich womöglich noch etwas passenderes finden, VK Lynne fällt mir spontan ein, trifft es aber auch noch nicht so ganz. Wie auch immer: Vor mir liegt der in Eigenregie entstandene Longplayer „Wrong Expectations“. Falsche Erwartungen waren es nicht, die mich jüngst dieses Werk haben bestellen lassen, soviel vorneweg. Back with Darkness, das sind:
Aber nun zur Musik, die Back with Darkness, oder auch BwD selber als „Angry Pop“ titulieren. Die oben angeführten Vergleiche zeichnen aber bereits den Härtegrad vor, der die Musik der Hamburger Band bestimmt. Indie Rock wäre also durchaus auch angemessen.
1. Excusez moi
Der Opener kracht gleich ordentlich los, eine Abrechnung mit jemandem, der einen offensichtlich nicht weiter gebracht gebracht hat und es nun nicht wirklich schafft, loszulassen. Die Wucht, mit der die Gitarrenwand und die Rhythmussektion losgehen, dürfte eigentlich keinen Körper bewegungslos zurücklassen. Die hier noch ansatzweise an Skin erinnernden, manchmal mehrstimmigen Vocals prägen bereits diesen ersten Track.
2. Break the Law
Ein eigenwilliger Discosound leitet diesen Titel ein und obwohl zwischenzeitig Melles Rockröhre angeschmissen und die Gitarren gezündet werden, schimmert doch immer wieder ein eigenwilliger Sound durch, den ein Rockerherz nicht so recht einzuordnen vermag. Somit ist diese Aufforderung zu einem kleinen Liebesbeweis nach den ersten Durchgängen auch nicht mein Highlight des Albums.
3. Anything at All
Etwas ruhiger startet dieser Song, der im weiteren Verlauf einiger Tempowechsel eine Rücksicht auf eine gescheiterte Beziehung bietet. Ein guter Rocksong, der die kraftvolle, etwas dunklere Stimme von Melle präsentiert.
4. Spaceman
Wer spätestens hier bei den ersten sphärischen Klängen und auch im weiteren gesamten Verlauf des Songs sich nicht an Skin von Skunk Anansie erinnert fühlt… erstmals zieht Sängerin Melle weitere Register ihres Könnens und offenbart, welche herausragenden Qualitäten die noch halbwegs unbekannte Frontfrau besitzt. Die ebenfalls herausragende Komposition dieses Songs mit den unterschiedlichen Spielarten der Gitarren, vom harten Brett über das langsame Anzupfen einzelner Seiten, runden Spaceman zu dem ersten Höhepunkt dieses Albums ab.
5. Gasolina
Einer der Songs, der mich beim Stolpern darüber im Web dazu brachte, mich in Back with Darkness zu verlieben. Ergo gleich ein weiterer Höhepunkt des Longplayers. Gasolina ist ein Midtemporocker, der aber nicht sanft unsere Sinne umspült, sondern recht brachial den Schmerz nach einer Trennung heraus schreit. Das sehenswerte Video zu diesem Song ist im übrigen eine Empfehlung am Rande. Um zu verdeutlichen, wie sehr sich hier auch musikalisch „Luft gemacht“ wird, ein kleiner Ausschnitt aus den Lyrics:
„You are a tragic waste of skin one good reason for birth control now old sparky is calling your name inviting you to take a seat you should be nailed with rusty spoons should be drowned in gasoline i will light you up to make me clean burn in hell“
Fazit: Brutal aber doch sehr eingängig. Diesen Song kann ich tatsächlich jedem empfehlen, der soeben verlassen wurde. Ein perfekteres Gewitter kann man zur Selbstreinigung nicht zelebrieren.
6. Au revoir
Ein weiterer Song, der die starken Qualitäten der Sängerin ausspielt. Stets rockig, doch mit einer ordentlichen Portion Gefühl beschreibt Melle das Loslassen einer Liebe. Und tatsächlich, hier blitzt ein wenig Doro durch…
7. Drama in the D.I.S.C.O
Ein Uptempo Start verspricht eine ordentliche Party. Doch ungewohnte Klänge stören die Idylle. Eine weitere Abrechnung: Lügen lassen schnell mal etwas aus dem Takt geraten. Welches Drama in der Disco tatsächlich zu diesem Song geführt hat, möchte ich eigentlich lieber nicht wissen. Mein Kopfkino spielt mir jedenfalls Szenen ein, die einem möglichen beteiligten Protagonisten die Wut in die Fäuste steigen lassen. Ein weiterer Beweis für den offensichtlich stilsicher gewählten Begriff für die eigene Musik.
8. Poems of a Midnightstalker
Ein wummernder Bass lädt zur nächsten Reise ein. Melle steigt mit ungewohnten Klängen in diesen Song ein, bevor zum Chorus ordentliche Gitarrenwände die Luft zum vibrieren bringen. Einer der härteten Track des Albums und aufgrund des Spiels mit Horrorelementen in den Vocals vielleicht auch der mit am wenigsten massenkompatible Song des Albums. Beim ersten Hören war ich ebenfalls etwas irritiert, inzwischen gefällt mit dieses kleine mitternächtliche Spektakel aber ziemlich gut. Der Song wächst mit genauem Hinhören.
9. Undefined Memories
In eine ähnliche Kerbe schlägt auch dieser Song. Die Gesangslinie klingt in weiten Teilen wie ein Ausflug Melles in ein anderes Fach, nur um sich dann wieder die Seele aus dem Leib zu schreien. Der Baßteppich und die sägenden Gitarren runden diesen Lowtemporocker zu einem ungewöhnlichen Hörgenuß ab. Auch dieser Song wächst bei mir nach mehrmaligem Hören, gerade über Kopfhörer.
10. S.N.U.D.S.F.
Der einzige Song mit deutschem Text. Hier zeigen Back with Darkness eine weitere Facette ihrer Vielseitigkeit. Bekannterweise liegt das Spiel mit deutschen Texten nicht jeder Band. Das die Hamburger dies auch drauf haben, davon solltet ihr Euch nun selber überzeugen, denn nach gut 35 Minuten Spielzeit sind wir bereits am Ende des Werkes angelangt.
Back with Darkness
Eventuelle und dann wenige Kritikpunkte lassen sich angesichts einer Gesamtbetrachtung schnell und unbedenklich unter den Teppich kehren. Der ungewohnete Genremix in Break the Law beispielsweise spricht letztlich für die Vielseitigkeit der Band, was beim ersten Hören womöglich erst einmal verdaut werden will. De facto kenne ich keine Band, die ähnlich klingt, wie eben Back with Darkness. Dies ist nicht zuletzt dem außergewöhnlichen Gesang von Melanie von Holten zu verdanken. Mit diesem Alleinstellungsmerkmal kommt folglich eine gelungene und frisch klingende Abwechslung auf Euren Plattenteller, bei der es verwunderlich erscheint, warum sich noch kein Label gefunden hat. Back with Darkness klingen vielleicht so, wie Skin bei Silbermond, wenn diese deutlich härter geworden und bei ihren englischen Texten geblieben wären. Mich würde es jedenfalls nicht wundern, wenn wir hierzulande noch einiges an Angry Pop zu hören bekommen. Zumal die Videos, die im Web auffindbar sind, für eine ordentliche Livequalität sprechen, welche die hier versuchsweise beschriebene Energie hervorragend umzusetzen scheint und beispielsweise an die großen Tage einer Yvonne Ducksworth (Jingo de Lunch) erinnert. Die Mischung aus Rock, ein wenig Pop, einer Dosis Punk und alles eben schön Angry vorgetragen zündet bei Liebhabern von rockigen Klängen abseits der längst ausgetretenen Pfade, jedoch spätestens mit dem Gesang von Melle.
Das ordentlich produzierte Album ist über die Band für knappe 10 Euro inklusive Versand bestellbar. Eine aktuelle EP gibt es gegen einen kleinen Aufschlag ebenfalls. Diese beiden Perlen tragen mich hoffentlich zu meinem ersten BwD Gig, der leider derzeit noch in den Sternen steht. Wer es an einem Sonntag nach Hamburg schafft, hat jedoch schon in kürze Gelegenheit, sich live überzeugen zu lassen.